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Otto Neurath. Gypsy Urbanism

In einer Zeit, in der die Kultur von Massenmedien dominiert wird, enthüllt der Blick auf das Werk des Universalgelehrten Otto Neurath (1888–1945) überraschend Zeitgenössisches. Der Wissenschaftler, Präsident des bayerischen Zentralwirtschaftsamts, Wohnbauaktivist, Museumsdirektor und Wissenschaftsphilosoph, der sich stets um eine Weiterentwicklung partizipatorischer Formen der Demokratie bemühte, arbeitete mit führenden Architekten, Designern und Künstlern seiner Zeit – darunter Adolf Loos, Josef Frank, Le Corbusier und László Moholy-Nagy – sowie den wichtigsten Intellektuellen rund um den New Deal, das Reformprogramm von US-Präsident F. D. Roosevelt, zusammen.

Angesichts der politischen Veränderungen zur Zeit des Ersten Weltkriegs erkannte er den tiefgreifenden Strukturwandel von Arbeits- und Wissensgesellschaft. Als Reaktion auf die neuen Umstände ist auch die von ihm gemeinsam mit Gerd Arntz entwickelte internationale Bildsprache zu verstehen, die sogenannten »Piktogramme«. Komplexe Zusammenhänge sollten auf einfache Weise, unabhängig von Gesellschaft und Sprache, verständlich dargestellt werden. Neuraths Arbeit hat bis heute großen Einfluss auf so unterschiedliche Disziplinen wie Architektur, Philosophie, Wirtschaft, Städteplanung und Grafikdesign.

Die Ausstellung »Gypsy Urbanism« konzentriert sich auf drei wesentliche Aspekte von Otto Neuraths Schaffen. Der erste Teil umfasst Artefakte und Gebrauchsgegenstände der Wiener Siedlerbewegung der 1920er-Jahre, jener Zeit, als Neurath seine öffentliche Karriere begann und eng mit dem Architekten Josef Frank kooperierte. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall der Österreichisch-Ungarischen Monarchie wurde der Wohnbau zur Priorität. Als sich Siedler »nach Zigeunerart« öffentliche Grundstücke aneigneten und darauf Häuser und Gärten errichteten, erkannte Neurath dies als Chance für eine Wohnbaureform, die auf Basisorganisation und Tauschhandel beruhen sollte. Er gründete den Hauptverband des Siedlungs- und Kleingartenwesens, um die wilden Siedler bei der Neuplanung Wiens zu unterstützen. Der Verband entwickelte mehrere Prototypen erweiterbarer Kleingartenhäuser, die auf modernsten Prinzipien beruhten. Diese »Kernhäuser« – es gab sowohl Einzel- als auch Reihenhausmodelle – konnten aus einem Katalog bestellt werden und wurden der Öffentlichkeit im Jahr 1923 in einer Ausstellung präsentiert, die über 200.000 Besucher anzog. Die sozialdemokratische Regierung entschloss sich nur zwei Jahre später dennoch für das Konzept der mehrgeschoßigen Wiener Gemeindebauten anstelle der Gartensiedlungen.

Im Zentrum der Schau stehen auch eigens reproduzierte Arbeiten aus dem Österreichischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum, das 1925 als Verein für Volksbildung gegründet wurde. Das Projekt, eine Art »Museum ohne Grenzen«, war auch Ausgangspunkt für das von Neurath entwickelte Bildkommunikationssystem Isotype (ein Akronym für International System of Typographic Picture Education), das zunächst als »Wiener Methode« bekannt wurde. Neurath betrachtete die soziale und kulturelle Bildung als Motor der Selbstbestimmung der Arbeiterklasse sowie als Katalysator des politischen Wandels. Die Museumsinhalte – Darstellungen der Welt in Form von Statistiken und historischen Daten – glichen weitgehend einem Weltatlas der Zivilisation für Laien. Das Museum ging aus einer Serie von Wanderausstellungen hervor. Im Jahr 1927 fand es schließlich seine permanente Heimstätte im Wiener Rathaus. Neurath führte zahlreiche Innovationen hinsichtlich der Präsentation und Reichweite der Ausstellungen ein. Gemeinsam mit Josef Frank entwickelte er Ausstellungssysteme, die leicht beweglich waren und überall installiert werden konnten. Das MAK Center zeigt einhundert Folio-Plakate aus Originalarchiven, deren Präsentationsform an das ortsungebundene Ausstellungssystem Neuraths angelehnt ist.

Darüber hinaus beschäftigt sich die Ausstellung mit den Auswirkungen von Neuraths Ideen in England und den USA. Neurath errang eine führende Rolle im Österreichischen Werkbund und war Mitglied des Wiener Kreises um den Philosophen Moritz Schlick. Diese Gruppe bedeutender Denker und Wissenschaftstheoretiker setzte sich für die Integration der Wissenschaft ins tägliche Leben ein. Im Jahr 1934 zwangen die reaktionären politischen Entwicklungen Neurath zur Flucht aus Wien. Er emigrierte zunächst in die Niederlande und 1940 nach England. In den Kriegsjahren drehte er Propagandafilme für das englische Informationsministerium, von denen ein Beispiel in der Ausstellung läuft. Im Jahr 1933 bezeichnete die New York Times seine Pädagogik als »Bild-Esperanto«, und der Verlag Alfred A. Knopf veröffentlichte 1939 seine Publikation »Modern Man in the Making«. Siehe auch www.mak.at.


Otto Neurath: Materialien aus dem Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum: Diapositiv einer Arbeiterin, Broschüren, Kinderbuch (von links oben nach links unten), 1929-1933
Otto Neurath: Materialien aus dem Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum: Diapositiv einer Arbeiterin, Broschüren, Kinderbuch (von links oben nach links unten), 1929-1933